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Newsletter GMS Nr. 20 / Oktober 2011
(pdf-Version siehe am Ende dieser Seite)
A. Aktuelle GMS-Nachrichten
Hinschied von Evi Feigel-Heim
Am 14. Juli 2011 ist Evi Feigel nach langer Krankheit verstorben und am 15. Juli im Grabe ihres Gatten Sigi Feigel im Israelitischen Friedhof Oberer Friesenberg bestattet worden.
Evi wuchs zusammen mit ihrer jüngeren Schwester in Zürich-Fluntern als Tochter des Konfektionsfabrikanten H. Heim auf. 1949 verheiratete sie sich mit dem jungen Juristen Sigi Feigel. Nach dem frühen Tode ihres Vaters übernahmen Evi und Sigi die Leitung des Unternehmens. Evis Freude an Textilien, ihr Sinn für Ästhetik und ihr klares Urteilsvermögen kamen hier zur Geltung. Nach dem Verkauf des Unternehmens 1977 wandte sie sich verschiedenen sozialen Aufgaben zu, wie es ihrem fürsorglichen Wesen entsprach.
Bei den vielen Ideen, Engagements und Gründungen ihres Mannes, war sie nicht nur die sprichwörtliche Frau im Hintergrund, sondern in allem Sigis Gesprächspartnerin und erste Kritikerin. Sie durchforstete die wichtigen Medien und dokumentierte Sigi mit den Informationen, die sie als wesentlich erkannte. Dadurch und durch ihr eigenes Urteil gab sie den Unternehmungen ihres Gatten Bodenhaftung und Profil.
In dieser Hinsicht war sie für die GMS über Sigis Tod hinaus wichtig. Gerne liess sie sich orientieren und war den Verantwortlichen freundschaftlich verbunden. Unvergessen sind ihre Gastfreundschaft und die Gespräche über Menschen und Bücher. In den letzten Jahren belasteten immer neue Wellen von Schmerzen ihr Leben. Als kluger Frau gelang es ihr, trotz dem enger werdenden Radius ihres Lebens gute Augenblicke zu nutzen, etwa zu einer freundschaftlichen Kaffeestunde im sommerlichen Park des Hotels Belvoir.
Präsidentenlose Zeit
Ende 2010 musste sich der Präsident GMS Dr. Giusep Nay unerwartet einer schweren Herzoperation unterziehen. In diesem Zusammenhang riet ihm der behandelnde Arzt dringend, von allen Ämtern, die eine regelmässige Belastung mir sich bringen, zurückzutreten.
Das war für uns alle ein Schock. Denn Giusep Nay war als ehemaliger Präsident des Bundesgerichtes ein bekannter Mensch. Sein Name steht für Gerechtigkeit, Rechtsstaat und Schutz der Menschenrechte. Dies alles stärkte den Nimbus der GMS und öffnete viele Türen zu Politikern und Medienschaffenden. So hätten wir uns alle zum besten Nutzen der GMS eine lange Präsidialzeit von Giusep Nay gewünscht. Dennoch war uns klar, dass in der zugespitzten Situation Gesundheit und Lebensmöglichkeit vorgehen.
Zum Glück hat sich Giusep Nay von der schweren Operation und ihren Nachwirkungen gut erholt. So konnte er sich bereit erklären, weiterhin als Mitglied des Vorstandes der GMS anzugehören. Wir können weiter von seiner Erfahrung, seinem Scharfsinn, seiner Unbestechlichkeit und seiner Menschlichkeit profitieren.
Nach Giusep Nays Rücktritt übernahm Vizepräsidentin Cécile Bühlmann interimsweise die Leitung der GMS. Da sie im Blick auf ihre berufliche Belastung eine Wahl als Präsidentin ablehnen musste, übernahm eine kleine Findungskommission die Aufgabe, eine externe Person für das Präsidium GMS zu suchen und zu gewinnen. Die Findungskommission machte die Erfahrung, dass das Ziel nicht von heute auf morgen zu erreichen ist. Dennoch sind wir zuversichtlich, noch in diesem Jahr den neuen Präsidenten zu präsentieren.
Gewalt gegen Amtspersonen
Anfang Oktober wurde gemeldet, dass der Gemeindeammann von Spreitenbach aus seinem Amt zurücktrete, da er und vor allem seine Frau und Kinder bedroht und durch anonyme Telefonanrufe terrorisiert worden seien. Was war geschehen?
Das Schweizer Fernsehen hatte die Gemeinde Spreitenbach portraitiert, eine Gemeinde mit einem Anteil an ausländischer Bevölkerung von nahezu 51%. Der Gemeindeammann wurde zu dieser Situation interviewt. Seine Antwort: Das Zusammenleben sei gut. Für ihn gebe es keinen Schweizer X und Ausländer Y, sondern nur Spreitenbacher. Recht hat er. Alle Achtung vor Haltung und Verhalten.
Die Reaktion von anonymen Eidgenossen aus irgendwo war abscheulich. Einer leerte den Inhalt eines chemischen WC über Akten, Büromöbel und Computer des Gemeindeammanns. Frau und Kinder wurden massiv bedroht. „Damit wurde eine rote Linie überschritten.“ Aus Rücksicht auf die Familie erklärte er seinen Rücktritt. Damit verliert er Amt, Beruf und Einkommen.
Die GMS formulierte umgehend eine Stellungnahme: „Gewalt gegen gewählte Amtspersonen trifft die Demokratie im Mark.“ Und forderte Abklärung und Verfolgung der Übergriffe ohne Wenn und Aber: Lückenlose und vollständige kriminalpolizeiliche Untersuchung. Anklage der Täter und ihrer Helfer durch die Staatsanwaltschaft. Bestrafung der Täter gemäss Strafgesetzbuch. (Siehe GMS Medienmitteilung vom 6. Oktober 2011 auf dieser Website)
Die Stellungnahme wurde nicht nur den Medien und dem betroffenen Gemeindeammann von Spreitenbach geschickt, sondern auch der Vereinigung der Gemeindeammänner des Kantons Aargau und dem Regierungsrat des Kantons Aargau.
Erfreulicherweise reagierte der Landammann namens der Regierung, stellte sich gegen Ausländerfeindlichkeit und Diffamierung von Amtsträgern. „Die Aargauer Regierung hat sich bereits in mehreren Stellungnahmen mit dieser Entwicklung auseinander gesetzt. Eine partnerschaftliche Integrationspolitik gehört zu den Schwerpunkten der regierungsrätlichen Politik.“ „Es liegt mir persönlich sehr am Herzen, dass sich in solchen Situationen niemand alleine gelassen fühlen muss.“
B. S c h w e r p u n k t
Fischhof-Preis 2011
Am 25. Oktober 2011 wurde der Fischhof-Preis 2011 im Zunfthaus Zur Meisen, Zürich, in einer ausserordentlich gehaltvollen Feier verliehen. Die Preisträgerin Dr. Claudia Kaufmann, Ombudsfrau der Stadt Zürich, und der Preisträger Ständerat Dr. Dick Marty passen in Haltung und Verhalten sozusagen idealtypisch zur Zielsetzung des Fischhofpreises.
Bei Claudia Kaufmann erwähnte die Würdigung ihre massgebende Arbeit für die Gleichstellung der Frau in der Schweiz, ihre Leistungen für die Rechte der Fahrenden in der Schweiz, sowie ihren Einsatz, als Ombudsfrau jedem Menschen ungeachtet von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Kultur und Religion zu seinem Recht zu verhelfen. Dies kulminierte im Satz: “In allem hat sie sich bewährt als unbestechliche Anwältin für Menschen- und Persönlichkeitsrechte in unserem Lande.“
Für Dick Marty hielt die Würdigung fest: seinen jahrzehntelangen unbestechlichen Einsatz als Anwalt und Politiker für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte in der Schweiz, seine Unerschrockenheit in den Untersuchungen (im Auftrag des Europarates) zu geheimen Gefangenentransporten und –lagern in Europa, sowie seine mutigen Nachforschungen über Kriegsverbrechen an Gefangenen während des Kosowo-Krieges. Und der zusammenfassende Satz: „In allem hat er sich ohne Rücksicht auf die eigene Person für Recht und Gerechtigkeit exponiert.“
Für beide Geehrten sollte der Preis auch Zeichen der Hochachtung sein im Blick auf alle Anfeindung und Herabsetzung, die sie im Verlaufe ihres Wirkens von Kritikern immer wieder erfahren mussten.
Cécile Bühlmann, Vizepräsidentin GMS, hielt die Laudatio für Claudia Kaufmann aus grosser Kenntnis ihres Wirkens in Bern, wo sie sich in der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, als Leiterin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann, sowie als Generalsekretärin des Eidgenössischen Departement des Innern bewährt hatte.
Die Laudatio für Dick Marty wurde von Dr. Daniel Thürer, Professor für Völker- und Europarecht gehalten. Auch er konnte dies tun aus genauer Kenntnis des Menschen, Anwalts und Politikers Dick Marty. Jeder seiner Sätze war unterlegt durch präzise konkrete Hinweise auf Taten des Geehrten.
Von ausserordentlich hoher Qualität waren die Reden der Geehrten. Nicht einfach Dankreden im gängigen Sinne, sondern Ansprachen, welche Zeit und Umfeld ihres Wirkens, Zielsetzung und Haltung, die ihr Handeln leitete, und konkrete Begegnungen mit Menschen und ihrem Leiden auf präzise und anschauliche Weise zum Ausdruck brachten. Sie gaben den Hörerinnen und Hörern so Anteil an den Erfahrungen ihrer Lebensaufgabe.
Der lang anhaltende Applaus und die vielen Gespräche während des anschliessenden Apéro riche liessen spüren, dass die Feier die Handelnden, Redenden und Hörenden erneut zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengefügt hatten. Das ist wohl die schönste bleibende Frucht der Fischhofpreis-Feier.
→ Auf der Fischhof-Seite dieser GMS Homepage finden Sie Näheres zum Fischhof-Preis 2011 und können auch die Reden (Laudationes und Dankesreden) in den Attachments unten am Ende der Fischhof-Seite nachlesen.

(Copyright by Vivianne Berg). V.l.n.r.: Prof. Werner Kramer, Dr. Giusep Nay, Dr. Claudia Kaufmann, Dr. Ronnie Bernheim, Stadtpräsidentin Corine Mauch, Ständerat Dr. Dick Marty, Cécile Bühlmann, Prof. Daniel Thürer
C. S t a n d p u n k t
Hoffnung auf eine Politik, welche die Menschen achtet?
Was haben die Eidgenössischen Wahlen 2011 gebracht? Können wir von einer Zeit Abschied nehmen, da Diffamierung des politischen Gegners, populistische Symbolpolitik, fremdenfeindliche Schlagworte und Plakate das Feld allzu sehr beherrschten?
Sachte Hoffnung ist wohl erlaubt. Die Eidgenössischen Wahlen haben der SVP einen Dämpfer versetzt und gezeigt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dass also auch millionenschwere Wahlpropaganda, das Zupflastern des öffentlichen Raums mit fremdenfeindlichen Plakaten und die Einhämmerung stereotyper Sündenbocksätze irgendwann ihre Kraft aufgebraucht haben.
„Die Mitte hat gewonnen“ lautete die am häufigsten formulierte Erkenntnis aus dem Wahlergebnis. GLP und BDP verstärken diese Mitte. Mitte war über längere Zeit kein lockender Ort. Weder Fisch noch Vogel. Ohne Profil, ohne Schlagkraft. „In der Mitten liegt holdes Bescheiden“. „Der goldene Mittelweg“. Tönte lange nach Wischiwaschi. Und jetzt das.
Vielleicht hatten die zahlreichen neuen WählerInnen der Mitte einfach genug von einer Politik der zackigen Worte, der ideologischen Starrheit, des Reklamierens der einzigen Wahrheit für sich. Vielleicht war der Eindruck, dass das gegenseitige sich Blockieren dringend notwendige Entwicklungsschritte verhindert, dass damit das gemeinsame Suchen von Lösungen in der Frage der Sozialwerke, in der Europafrage, im Zusammenhang von Immigration und Asyl unmöglich geworden ist. Dass also die frühere Tugend der schweizerischen Politik, nämlich das Suchen von Kompromissen, mit denen niemand ganz glücklich war, aber mit dem doch alle leben konnten gestorben sei. Ja, Kompromisse – etwa gleich unspektakulär und unheroisch wie das Suchen der Mitte.
Im Klassischen Griechenland, dort wo Demokratie und Politik in unserem Sinn gewissermassen ihren Ursprung haben, dachten manche Staatsdenker und Philosophen anders, konstruktiver von Mitte und Mass. Aristoteles ist hier besonderer Gewährsmann. Entscheidend ist die Tugend des richtigen Masses. Keinem ist es angeboren, keiner hat es für sich gepachtet. Das richtige Mass ist in allem zu suchen. Es liegt von den Extremen gleich weit entfernt, sozusagen in der Mitte. Mass und Mitte zu finden ist hier der Ausgangspunkt für alles konstruktive Gestalten, auch für das gedeihliche Zusammenleben der Menschen, ja für das Leben überhaupt.
Kann man hoffen, dass “Mitte“ in diesem Sinne Kräfte freisetzt und mobilisiert, damit in den nächsten vier Jahren in der eidgenössischen Politik Zusammenarbeit ohne Schlachtgetöse möglich wird, und Lösungen der drängenden Probleme gefunden werden können?
Werner Kramer
D. H i n w e i s e
Broschüre Fischhof-Preis 2011
Die Verantwortlichen von GMS und GRA planen, die vier Reden anlässlich der Fischhof-Preis Verleihung 2011 in einer kleinen Broschüre herauszugeben und so einem grösseren Kreis von Interessierten zugänglich zu machen. Wir Menschen brauchen ja gute Beispiele und Leitbilder, an denen wir Mass nehmen können für unser Suchen und unser Leben.
Jahresbeitrag und Gönnerbeiträge 2011
Ein Grossteil der GMS Mitglieder hat den Jahresbeitrag 2011 bereits einbezahlt, zum Teil grosszügig aufgerundet. Herzlichen Dank!
Wer den Jahresbeitrag 2011 (Einzelmitglied: CHF 50.--, Paare: CHF 80.--) noch nicht entrichtet hat, fand als Beilage beim per Post versandten Newsletter nochmals einen GMS Einzahlungsschein. Wir sind allen Mitgliedern sehr dankbar, wenn sie ihren Jahresbeitrag 2011 nicht vergessen und uns auch dieses Jahr wieder ihre wertvolle Unterstützung zukommen lassen.
Steuerhinweis pro memoria: Alle Spenden an die GMS Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz sind als solche an eine gemeinnützige und steuerbefreite Institution nach Massgabe des jeweiligen kantonalen Steuerrechts abzugsfähig
(Verfügung Nr. 05/10 276 des Kantonalen Steueramtes Zürich vom 23.06.2005).
Kontakt zur GMS
GMS Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz
Postfach
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Fax 043 - 344 49 96
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